Martin Wöhrl über schöne Kunst

  • Posted on: 27 October 2016
  • By: CME

Martin WöhrlDer Eingang des Ateliers in der Münchner Maxvorstadt ist gut versteckt. Ein paar Mal die Straße ratlos auf und abgegangen, öffnet sich plötzlich eine Tür. Freundlich lächelnd bittet der Bildhauer seinen Besuch herein. Auf einem Tisch liegen allerlei Köstlichkeiten für den Besuch bereit - Speck, Käse, Cracker, Brot und Wein. Der Atelierbesuch kann beginnen.

Martin Wöhrl kommt künstlerisch von der Minimal-Art, doch war es ihm "wichtig, auch wegzukommen von dem trockenen Minimalismus, der so hart geschult war. Ich wollte irgendetwas persönliches, lustiges, humorvolles reinbringen.“ Die beiden Regale Boris und Pele aus seiner Anfangszeit als Künstler sind ein gutes Beispiel dafür. Sie beziehen sich auf denSpitzensport, weshalb das an den Maßen eines Ikea-Billy-Regals orientierte Gebrauchskunstwerk „Boris“ im Stile eines Tennisfelds angelegt ist und „Pele“ ein Fußballfeld wiedergibt.

Martin Wöhrl, geboren 1974 in München, studierte in den 1990er Jahren bei James Reinking an der Münchner Kunstakademie. Seine  Abschlussarbeit für die Kunsthochschule war eine Videoarbeit, bei der er ein Klassenzimmer in ein Handballfeld verwandelte und Profis zu einem Spiel einlud. Die Größenrelation behielt er bei, jedoch war das Feld mit einer Relation von 1:5 deutlich kleiner als ein gewöhnliches Handballfeld. „Als die Profis auf dem Feld spielten, war das ein grotesker Moment", erinnert sich Wöhrl.

Kunstwerke in der WerkstattIn seiner Kunst spiegeln sich deutlcih unterschiedliche Abschnitte in seinem Leben wieder. „Du bist jung, du studierst, du suchst nach diesen neuen Formen - wie kann man ausbrechen? Mit zunehmenden Alter wird man dann eher traditioneller. Durch die eigene Arbeit kommt man dann auch zu neuen Sachen“, sagt Wöhrl. Quelle seiner Inspiration ist oftmals auch seine direkte Umgebung. 2007 wohnte er im Rahmen eines Stipendiums ein Jahr lang im Künstlerhaus „Villa Concordia“ in Bamberg. Seine Ausstellung „Papa Bifi“ in Stuttgart war von den Eindrücken in der Tropfsteinhöhlen der Fränkischen Schweiz in diesem Jahr geprägt. Die Gipsskulpturen orientieren sich in ihrem Aussehen kunstgeschichtlich dabei an Giacometti. Auf den humorvollen Titel kam er zufällig, als er einen Autoaufkleber falsch las. Die Hinwendung zu Tierskulpturen und Barocken Motiven in seinen Kunstwerken sieht er auch als Gegenreaktion zu den Mainstream- Strömungen der aktuellen Zeit. Mit Beginn der Digitalisierung wurde es auch in der Kunst populär, mit Internet und Video zu arbeiten. „Ich arbeite immer schon eher nach dem Motto: Lieber eine Stichsäge und eine Flasche Rotwein.“

PressspanplattenDie Werkstatt ist prall gefüllt mit Katalogen, Farben, Stiften und anderen Arbeitsgegenständen. Neben dem Regal liegt ein großer Haufen Pressspänen. Doch der Haufen ist längst selbst zum Kunstwerk geworden: „Ich baue öfter größere Sachen aus alten Türen und die Abfälle liegen dann so rum und bekjommen ein Eigenleben.“ Gelegentlich entstehen dann Kunstwerke - wie der „Helle Bock“, der in der Galerie München zu sehen ist. Ein Ziegenbock aus Holz in verschiedenen Farben. „Diese spontanen Nebenarbeiten sind so schöne Projekte, die kann man nicht wiederholen- auch nicht erzwingen.“

Wöhrl hat für seine Arbeiten inzwischen längst internationale Preise eingeheimst: Er erhielt unter anderem den Debütantenpreis der Münchner Kunstakademie, den Bayerischen Staatsförderpreis, das DAAD Stipendium für Glasgow sowie das USA Stipendium des Landes Bayern.

Die Galeristin von Martin Wöhrl ist Tanja Pol in München. Neben den konzeptuellen Arbeiten für Ausstellungen in der Galerie macht Wöhrl auch viel Kunst im öffentlichen Raum. Diese Kunst am Bau betrachtet der Bildhauer spielerisch, sportlich. „Das macht mir Spaß. Man muss zur Vorbereitung mal in die Bibliothek gehen, um sich zu informieren, das gefällt mir eigentlich ganz gut.“ Bei den Ausschreibungen bekommt der Gewinner den Zuschlag für den Bau. Wöhrl konzipierte etwa ein Kunstwerk für das Institut für Schlaganfall und Demenzforschung in Großhadern. Dafür installierte er eine zerbröckelte, vier Meter große Vase aus Bronze. „Beim Schlaganfall zerbricht der Mensch und man muss das Puzzle zusammensetzen. Bei Demenz zerbröckelt der Geist, und man muss die Struktur zusammen halten“, erläutert Wöhrl. Die Skulptur stellt somit beide Forschungsgegenstände da. „Die Idee kommt einem dann so auf der Terrasse mit einer Flasche Rotwein“ sagt Wöhrl und grinst.

Um einem kleinen Tisch herum stapeln sich Schallplatten. Die Schriftzüge und Personen auf dem Cover sind nicht mehr zu sehen. Wöhrl hat sie übermalt: „Es geht um diesen Gegensatz. Man hat dieses ganz Moderne, noch nicht Begreifbare - und auf einmal kommt alte Musik dazu. Der Zuschauer ist in einem Schwebezustand, weil das Gehirn beide Komponenten nicht zusammen bringt.“ Das Zitat von Stanley Kubrick zu seinem Film „Odyssee“ inspirierte Martin Wöhrl für seine Arbeit an den Schallplatten. Er beschränkt sich bei der Übermalung rein auf die grafischen Aspekte des Covers. Der Titel des Kunstwerks bleibt mit dem der Schallplatte identisch. „Diese Erzeugung eines komischen Moments durch das Aufeinandertreffen von Gegensätzen spielt eine große Rolle in meiner Kunst.“

Schallplatten

Die Arbeit an den Schallplatten ist zudem eine Referenz zu dem deutschen Künstler Joseph Albers. „Wahrscheinlich zitiere ich eigentlich immer. Künstler, Kunststile oder auch einfaches Handwerk.“

Rahmenteile der KirchenrosetteIn seiner großformatigen Installation "Maß und Werk" für das Neue Museum in Nürnberg bezieht er sich beispielsweise auf das Handwerk des Steinmetzes. Grundlage für den Bau der 16 mal drei Meter hohen Kirchenrosette war die Anleitung  aus dem Steinmetz-Buch „Der Werkzeichner.“ Als Material benutzte Wöhrl alte Türen, die er nach den Schablonen zu zwei bis drei Meter großen Rahmen aussägte und anschließend großflächig auslegte, um sie zusammenzufügen. Fundstücke für seine Kunstwerke sind der Sperrmüll oder Flohmärkte. Hier sammelt Wöhrl alte Türblätter, aber auch Alltagsgegenstände aller Art.

„Wenn ich die vergangenen Jahre anschaue, dann hat sich eine bestimmte Ästhetik entwickelt. Ich habe einen eigenen Begriff von Schönheit entwickelt, an dem ich arbeite.“ Kunst muss für Wöhrl nicht provokativ, intellektuell oder verstörend sein. Sie kann auch dekorativ sein, konstatiert er: „Ich will Sachen machen, die schön sind, ich finde das in Ordnung. Meine Frau ist schön, mein Leben ist schön - ich habe keine Angst vor Schönheit.“

Text: Simon Bernath, EPV

Bild: Cathrin Clemens, EPV